Bernhard moors

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut

ALLE NEUIGKEITEN AUF EINEN BLICK

/ Kinder stark machen gegen sexuelle Gewalt /

Sexueller Missbrauch bei Kindern

Psychotherapeut Bernhard Moors über Hintergründe und Vorbeugung bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen


Im Oktober 2019: Nicht erst seit den Vorfällen auf einem Campingplatz in Lügde/ Westfalen wird deutlich, dass es meistens nicht der „fremde, böse Mann“ ist, der sich Kinder von der Straße wegschnappt.
Missbrauch passiert häufig in Situationen, in denen Bekannte oder Verwandte eine Vertrauensbeziehung des Kindes ausnutzen – zum Beispiel auch Bedürfnisse nach Zärtlichkeit fehlinterpretieren. Labile Kinder, die auf der Suche sind nach Zärtlichkeit und einer guten Beziehung und Kinder, die sich viel selbst überlassen werden, sind stärker gefährdet als gefestigte kleine Persönlichkeiten. Wer allerdings die Vorstellung hat, ein Kind „aus gutem Hause“ sei gegen Übergriffe gefeit, der irrt: Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten sind von sexuellem Missbrauch betroffen.

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind Opfer geworden ist?
Wenn das Vertrauensverhältnis zu den Eltern gut ist, dann öffnen sich die Kinder ihnen in der Regel auch. Zudem gibt es Indizien, die darauf schließen lassen, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Aber Vorsicht vor dem reinen Checken möglicher Anzeichen! Viele der Auffälligkeiten kommen nicht nur nach sexuellen Übergriffen, sondern auch bei anderen seelischen Problemen, Störungen und auch entwicklungsbedingt vor. „Entscheidend ist, dass gravierende Verhaltensänderungen plötzlich auftreten“. Dann sollte man nach den Ursachen suchen. Beispiele können sein:


• plötzlicher Leistungsabfall in der Schule, der nicht durch eine Null-Bock-Phase oder die Pubertät zu erklären ist.

• plötzlich auffallende Angstzustände plötzliche Angst vor dem Alleinsein oder dem Alleinsein mit einer bestimmten Person

• plötzlich auftretende Schlafstörungen• verstärkt Körpernähe zum wichtigen Elternteil

• stark aggressives Verhalten des Kindes gegenüber anderen Kindern

• Rückzug in die eigenen Fantasiewelten vom einen auf den anderen Tag

• Rückfall in kleinkindhaftes, babyhaftes Verhalten

• plötzliches Distanzieren von Gleichaltrigen

• abruptes, extrem provozierendes, freches Verhalten Erwachsenen gegenüber

• abrupte Veränderung des Essverhaltens

• abrupte Abneigung gegen bestimmte enge Kleidungsstücke, Tragen von weiten Sachen• Schwierigkeiten, am Sportunterricht teilzunehmen (wegen des Umziehens)

• Nicht mehr direkt in die Augen sehen können, ausweichendes Verhalten

• Selbstverletzungen (bei Teenagern)


Das Entscheidende ist, dass plötzlich eine oder mehrere Verhaltensweisen auftreten, die man an seinem Kind so noch nicht beobachtet hat.
Wie sollten Eltern reagieren?
Auf keinen Fall panisch oder überstürzt reagieren, wenn man ein Symptom an seinem Kind beobachtet. „Erst mal tief durchatmen, Ruhe bewahren und nicht das Schlimmste vermuten“, rate ich als Psychotherapeut. Sollte man einen Anfangsverdacht haben, gilt es, dem Kind ganz genau zuzuhören. Was erzählt es? Wie reagiert es auf ein Hinterfragen des Gesagten? Weicht es aus? Man kann sich auch selbst Unterstützung bei einem Experten suchen, wenn man unsicher ist, um besser einzuschätzen, was mit dem Kind ist: „Hier kann unter fachkundiger Leitung geklärt werden, ob wirklich etwas an einem Verdacht dran ist oder man etwas überempfindlich reagiert und das Verhalten des Kindes andere Ursachen hat.“ Wenn ein Kind sich einem eindeutig anvertraut, sollte man ebenfalls ruhig und empathisch reagieren. Das hilft, die aufkeimenden Schuldgefühle, die Opfer in der Regel entwickeln, zu mindern. Ab diesem Zeitpunkt ist auch eine Vorstellung bei einem Experten, z.B. einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sinnvoll.
Gewalt und Missbrauch sind i.d.R. traumatische Erfahrungen, die unbehandelt ein ganzes Leben schwer beeinträchtigen können.


Gibt es ein Kindesalter, in dem Übergriffe gehäuft stattfinden?
Studien belegen, dass bei Kindern und Jugendlichen der Gipfel zwischen drei und sieben Jahren liegt. Das bedeutet: 49 Prozent der Opfer sind sieben Jahre alt und jünger, wenn sie missbraucht werden. 23 Prozent sind über zwölf Jahre alt. Das liegt u.a. daran, dass sich kleine Kinder weniger wehren können, das Machtgefälle und die Abhängigkeit von Erwachsenen größer ist. Den Umkehrschluss, dass Teenager deshalb weniger gefährdet sind, kann man natürlich nicht ziehen. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der Pubertät, in der Selbstfindung eine bedeutende Rolle spielt. Dazu kann auch gehören, den eigenen Körper exzessiv zur Schau zu stellen.

Wie kann man Kinder stärken und schützen?
Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt nie einen hundertprozentigen Schutz. Die gute Nachricht: Natürlich gibt es Möglichkeiten, Kinder stark zu machen, um sie vor einem möglichen sexuellen Missbrauch zu bewahren.
Aus langjähriger Erfahrung in meiner Psychotherapeutischen Praxis fällt auf, dass die Kinder, die innerlich stark sind und sich wehren können, geschützter sind. Wichtig ist, dass die Kinder gelernt haben, „Nein!“ sagen zu dürfen, wenn irgendwas passiert, was sie nicht möchten. Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen sollten deshalb darauf achten, ein Nein von Kindern auch zu respektieren. Kinder, die es gewohnt sind, das ihr Nein zählt und ernst genommen wird, bringen es bestenfalls auch in der Gefahrensituation eines sich anbahnenden sexuellen Übergriffs an. Als Psychotherapeut rate ich auch zu Präventionsmaßnahmen wie z.B. „starke Eltern, starke Kinder“. Denn Eltern sollten sich im Vorhinein mit dem Thema beschäftigen, um ihre Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen. Vorbeugende Projekte im Kindergarten und in der Schule können ein wichtiger Baustein sein. Wichtig ist, dass die soziale Kompetenz des Kindes gefördert wird, damit es sich in brenzligen Situationen auch angemessen widersetzen kann.

Welche Rolle spielen Internet-Chats und Social Media?
Das hängt davon ab, welchen Zugang die Kinder zum Internet haben. Die Kleineren werden ja eher nicht unbeaufsichtigt ins Internet gehen. Durch Simsen, Surfen und Chatten auch via Smartphone kann sich kinderpornographisches Material schnell und einfach verbreiten. Eine Gefahr für die Kinder sind auch Soziale Netzwerke: „Man weiß oft nicht, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt.“ Ich erlebe es öfter in der Praxis, dass Kinder in Sozialen Netzwerken auf Menschen hereinfallen. Aufgrund ihrer eigenen emotionalen Verfassung, wenn sie labil sind, können sie Opfer sexueller Ausbeutung oder Misshandlung werden.

Kammerwahlen PTK 2019

v.l.n.r: Bernhard Moors, Barbara Lubisch, Oliver Kunz, Birgit Wich-Knoten, Herrmann Schürmann, Gerd Höhner, Andreas Pichler, Cornelia Beeking

/ Vorstandswahlen der PTK NRW am 28. August 2019
in Dortmund /

Düsseldorf, 30.08.2019: Am 28. August 2019 wählte die konstituierende

Kammerversammlung der Psychotherapeutenkammer NRW (PTK NRW) ihren neuen
Vorstand für die Wahlperiode 2019 bis 2024.

Gerd Höhner, seit 2014 Präsident der PTK NRW, wurde mit großer Mehrheit im Amt bestätigt. Ebenfalls mit großer Mehrheit bestätigte die Kammerversammlung Andreas Pichler, seit 2014
Vizepräsident der Kammer, in seinem Amt.

Nach Beschlussfassung der konstituierenden Kammerversammlung gehören dem neuen Vorstand der PTK NRW statt bislang fünf nun sechs Beisitzerinnen und Beisitzer an. Mit jeweils deutlicher Mehrheit wiederbestellt wurden Cornelia Beeking, Barbara Lubisch, Bernhard Moors und Hermann Schürmann. Als neue Beisitzende wurden mit zahlreichen
Stimmen Birgit Wich-Knoten und Oliver Kunz gewählt. Birgit Wich-Knoten ist als
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Münster niedergelassen, der
Psychologische Psychotherapeut Oliver Kunz führt eine Praxis in Mülheim an der
Ruhr.

Mit den vorliegenden Wahlergebnissen wird die Vorstandskoalition von einer breiten Mehrheit in der Kammerversammlung getragen. Insgesamt gehören der Kammerversammlung der PTK NRW in dieser Wahlperiode 110 Mitglieder an.



Weiterführende Informationen unter www.ptk-nrw.de

/ Interview mit einem Kinderpsychotherapeuten /

Interview Bernhard Moors

Rheinische Post online vom 27.11.2018 und

Print Ausgabe vom 29.12.2018 im Hauptteil Rubrik Panorama A7

Viersen, 27.11.2018.

Hat mein Kind ADHS? Wieso ist es bloß so wütend? Und muss ich mir Sorgen machen, weil es nicht in die Schule will? Der Viersener Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Bernhard Moors kennt die seelischen Nöte von Heranwachsenden.

Von Sebastian Dalkowski (seda), Reporter bei der Rheinischen Post.


Aus welchen Gründen kommen Kinder und Jugendliche in Ihre Praxis?
Bernhard Moors Gerade komme ich von einem Termin in einer Schule wegen eines zehnjährigen Kindes. Das hat Wutausbrüche und will nicht in die Schule gehen. Es kommen momentan Kinder zu mir, die beißen, treten und schlagen, andere werden gemobbt, haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Ein elfjähriges Kind sagte, es wolle nicht mehr leben. Dann habe ich gerade Kinder mit Schlafstörungen, Essstörungen, Depressionen, Ängsten und mangelnden Sozialkontakten in Behandlung. Missbrauch ist selten ein Anmeldegrund, sondern wird eher während der Therapie aufgedeckt.


Das klingt dramatisch.


Moors Ja, das ist auch dramatisch, denn hier geht es nicht um Befindlichkeitsstörungen, sondern um Schicksale. Das war auch vor 20 Jahren schon so.


Haben Kinder und Jugendliche Störungen, die Erwachsene nicht haben?
Moors Grundsätzlich nein, sie stellen sich häufig nur anders dar. Kinder und Jugendliche geraten schneller aus dem Gleichgewicht. Das gestörte Gleichgewicht kann nach einer kurzen Zeit wiederhergestellt und eine Krise überstanden sein. Es kann aber auch sein, dass Kinder und Jugendliche kritische Situationen ihrer Entwicklung nicht so gut verarbeiten. Das kann zu großen Belastungen und damit zu seelischen Störungen und Erkrankungen führen, die nicht von selber heilen. Wichtig ist, dass wir scharf unterscheiden: Ist das eine krankheitswürdige Störung oder geht es um einen sogenannten normalen Entwicklungskonflikt des Kindes?


Sie arbeiten seit über 20 Jahren als Kinder- und Jugendtherapeut. Haben sich die seelischen Nöte Ihrer Patienten verändert?
Moors Es gibt heute eine wesentlich höhere Akzeptanz für psychische Krankheiten, das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Während es früher oft peinlich war, zum Psychotherapeuten zu gehen, weil man dann als verrückt galt, sehen Kinder heute eher positiv, dass da eine Instanz jenseits von Elternhaus oder Schule versucht, ihre seelischen Nöte zu verstehen. Heute Morgen in der Schule kamen auch die anderen Kinder zu mir gerannt, das betroffene Kind konnte fast damit angeben. Psychische Krankheiten werden früher erkannt, genauer diagnostiziert und fachgerechter behandelt. Aber es gibt auch gesellschaftliche Veränderungen, die die Zahl der psychischen Störungen haben
steigen lassen.


Welche Veränderungen sind das?
Moors Die Individualisierung der Gesellschaft hat viele Vorzüge, aber auch einige Nachteile.
Großfamilien oder Nachbarschaften sind nicht mehr in dem Maße da wie früher. In einer
Kleinfamilie oder bei Alleinerziehenden ist bereits der normale Tagesablauf anstrengend. Wenn die Eltern durch ihre Arbeit gebunden sind, wird schon die Beaufsichtigung und Betreuung der Kinder schwierig.


Viele Erwachsene haben Angst, dass die Digitalisierung ihren Kindern schadet, wenn diese ständig auf ihr Smartphone schauen. Ist das Quatsch?
Moors Nein, das ist kein Quatsch. Jede gesellschaftliche Veränderung kann vorhandene seelische Entwicklungen bestärken. Aber wir können auch nicht so tun, als wäre die Digitalisierung etwas Schreckliches, sondern müssen lernen, damit umzugehen. Wir wollen ja auch nicht mehr zur Postkutsche zurück. Das ist für die Erwachsenen häufig schwieriger, weil sie damit nicht aufgewachsen sind.


Haben Sie viele Kinder mit Konzentrationsschwächen in Ihrer Praxis sitzen?
Moors Ja, aber das hat nicht unbedingt etwas mit der Digitalisierung zu tun, sondern damit, wie sich Eltern und andere wichtige Bezugspersonen den Kindern zuwenden. Digitalisierung hin oder her – auch hier gilt der Erziehungsauftrag, einen vernünftigen Umgang damit zu lernen. Andererseits kann die Digitalisierung auch zu Suchtverhalten beitragen. Alles, was günstig ist, kann man ungünstig nutzen. Da müssen wir den Begriff der Spielsucht neu definieren, so dass er nicht mehr nur Automaten in Spielhallen oder ähnliches umfasst, sondern auch für Computer- und Medienkonsum gilt. Aber das betrifft vielleicht drei bis vier Prozent der Gesellschaft.


Gibt es gewisse Moden, was sich Jugendliche antun?
Moors Auffällig viele ältere Kinder und Jugendliche verletzen sich selbst, in sehr unterschiedlicher Form. Einige schneiden oder ritzen sich, andere reißen sich die Haare raus, knabbern sich die Nägel blutig ab bis auf die Fingerkuppen, schlagen mit dem Kopf auf den Boden oder gegen die Wand. Selbstverletzung ist ein Hinweis darauf, dass sie Schwierigkeiten haben, die sie überfordern.


Ab wann ist es sinnvoll, zu Ihnen zu kommen?
Moors Nicht jede Auffälligkeit ist Hinweis auf eine seelische Erkrankung. Aber wenn es über einen längeren Zeitraum geht, plus minus ein halbes Jahr, dann empfehle ich, das abzuklären. Besser einmal zu viel abgeklärt als einmal zu wenig. Eltern werden auch häufig verunsichert durch Medien und Verwandte und Bekannte. Da sagen andere Eltern schon mal: Hatte mein Kind auch, geh mal lieber zum Psychotherapeuten. Dabei hat dasselbe Verhalten nicht unbedingt dieselbe Ursache.


Schleppen Eltern ihre Kinder zu früh zum Therapeuten?
Moors Ich habe Ihnen ja vorhin Gründe genannt, aus denen Kinder und Jugendliche zu mir
kommen und eine Psychotherapie machen. Ebenso gibt es aber Kinder und Jugendliche, die keine Psychotherapie benötigen, weil es sich beispielsweise lediglich um einen gelegentlichen Wutausbruch handelte und eventuell auch der Anlass erkennbar war. Wenn sich Eltern im Rahmen einer Trennung laufend heftig streiten, kann Wut eine adäquate Reaktion des Kindes sein. Eltern können nicht erwarten, dass das Kind nur passiver Zuschauer ihres Streits bleibt. Aber es ist nicht so, dass immer mehr Eltern viel zu früh mit ihren Kindern in meine Praxis kommen. Eine frühe Abklärung ist auch eine Art Prävention. Eher habe ich den Eindruck, dass einige Eltern viel zu spät kommen. Von zehn Anmeldungen brauchen drei keine Therapie, bei ein bis zwei Fällen müssen wir über eine stationäre Behandlung nachdenken, die anderen brauchen eine mittel- bis langfristige Therapie.


Denken noch immer alle Eltern, ihr Kind habe ADHS?
Moors Diese Zeiten gab es. Da galten fast alle Kinder als ADHS-Patienten, die verhaltensauffällig waren. Das ist zum Glück wieder etwas rückläufig, auch weil wir Psychotherapeuten immer wieder informiert haben. Die Eltern sollten genau hinschauen. Es reicht nicht, wenn sich das Kind nur in der Schule auffällig verhält, aber zuhause oder im Musikorchester oder Sportverein nicht.


In unserer Gesellschaft muss man möglichst schnell wieder funktionieren. Dürfen Kinder eigentlich noch in Ruhe trauern oder gelten sie schon nach vier Wochen als depressiv?
Moors Das scheint in einzelnen Fällen tatsächlich so zu sein, ohne dass ich dazu wissenschaftliche Untersuchungen kennen würde. Da betrachte ich mit Sorge, was uns aus den USA mit den neuen Diagnostikkriterien ins Haus schneit. Das Kriterium für eine nicht bearbeitete Trauer soll von bisher sechs Monaten auf 14 Tage reduziert werden. Danach würde man bereits von einer Depression sprechen. Das halte ich für schwierig. Das ist, als wenn man einem Kind sagt, das mit drei Jahren und zwei Monaten noch nicht trocken ist: Du bist ein Einnässer.


Viele Kinder und Jugendliche haben in Ihrer Praxis zum ersten Mal Kontakt zu einem Therapeuten. Gegen welche falschen Vorstellungen müssen Sie vorgehen?
Moors Tatsächlich haben manche die Sorge, dass sie in eine Zwangsjacke gesteckt werden. Viele Kinder stellen es sich wie einen Arztbesuch vor: Mann in weißem Kittel untersucht sie, gibt ihnen eine Spritze, nimmt Blut ab. Jugendliche haben eher das Bild des Psychiaters vor Augen: Da gehe ich rein und komme mit einem Medikament wieder raus. Diese Vorstellungen legen die Patienten aber schnell ab. In meiner Praxis sieht es nicht aus wie in einer reinen Arztpraxis. Die Praxis, das ist ein Schutzraum, für Kinder gibt es auch Spielzeug. Denn viele Kinder zeigen eher durch Handeln als durch Reden, was sie bedrückt.


Können Sie ein Beispiel geben?
Moors
Kinder schlüpfen mit Playmobil oder Handpuppen in eine andere Rolle – wie beim Vater- Mutter-Kind-Spiel. Das hilft dem Kind, die Schwierigkeiten zu benennen. Da bekomme ich schnell mit, ob es eher um Aggressionen geht, um Unglücklich sein, um Beziehungsprobleme oder Leistungsprobleme.


Aggressive Kinder verprügeln mit der einen Puppe die andere?
Moors Oder es ist der Tonfall, der im Spiel ist. Gibt es neben der aggressiven Rolle noch eine
beruhigende Rolle? Ist ein Kind stark gehemmt oder untersucht es die Materialien direkt? Gibt es eine Affinität zu Materialien, die Möglichkeiten bieten, überhaupt aggressive Affekte
auszudrücken? Wenn ein Kind in der ersten Stunde nur mit Kanonen und Pistolen spielt, kann das schon ein Hinweis sein.


Wie bekommen Sie sonst Zugang zu den Kindern?
Moors Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob ich mich für sie interessiere oder nicht. Das beginnt schon bei der Begrüßung. Bei jüngeren Kindern gehe ich beispielsweise in die Hocke, damit wir uns auf Augenhöhe begegnen. Neulich sagte ein Kind zu mir: Herr Moors, du behandelst die Kinder, die zu dir kommen, respektvoll. Kinder wollen sich so ernst genommen fühlen wie Erwachsene.

/ Helfen Fidget Spinner einem hyperaktiven Kind? /

Fast alle jüngeren oder älteren Kinder haben mittlerweile einen oder mehrerer dieser Spielzeuge die man drehen und balancieren kann. Die einfachste Anwendung ist ihn zwischen Daumen und Zeige- oder Mittelfinger zu halten und ihn dann anzustoßen, dass er sich dreht. Darüber hinaus kann man weitere Aufgaben und Bewegungen damit bewerkstelligen, wie z.B. lange Drehzeiten oder werfen und auffangen, wobei sich der Spinner weiterdrehen muss. Er reiht sich damit ein in eine ganze Reihe von kleinen (analogen) Spielzeugen die immer wieder Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene, begeistern und herausfordern können, wie z.B. Kreisel, JoJo, Fingerskateboard, Pen-Spinner u.ä. Der Name kommt aus dem Englischen, Fidget = Unruhe, Zappelphillip und spin = kreiseln, wirbeln.


Manche Hersteller werben derzeit damit, das der Fidget Spinner ein therapeutisches Hilfsmittel sei, das insbesondere Kindern mit einer AD(H)S Diagnose helfen soll ruhiger zu werden und sich besser konzentrieren zu können. Ob der Fidget Spinner einen therapeutischen Nutzen hat ist zwar derzeit Thema einzelner Untersuchungen, wissenschaftliche Aussagen gibt es darüber aber nicht.


Meine Erfahrungen als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut lassen mich an einem ganz spezifischen therapeutischen Nutzen, der über die Anwendung und den damit verbundenem
Nutzen anderer Spielzeuge hinausgeht, zweifeln. Auch kann man sich ja einmal vorstellen wie die Wirkung wäre, wenn eine ganze Klasse im Unterricht mit dem Fidget Spinner spielt, ob die Konzentration auf den Unterricht wirklich größer wäre oder eher die Unruhe in der Klasse?


Wirklich unruhige oder nervöse Kinder benötigen zunächst einmal eine Abklärung, z.B. bei einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, was die Ursachen sind und ob eine seelische Erkrankung vorliegt, die einer geeigneten Therapie bedarf. Speziell bei einer AD(H)S Diagnose sind psychotherapeutische Maßnahmen, im Einzelfall ergänzt durch Medikamention, notwendig und keine Therapie mit Hilfe eines Fidget Spinners. Ob im Einzelfall Hilfsmittel benötigt werden, wird im Rahmen der Psychotherapie abgestimmt.

Fazit:

Der Fidget Spinner ist ein lustiges und durchaus empfehlenswertes Spielzeug, wenn man es nicht mit einem therapeutischen Nutzen überfrachtet.

/ HAT MEIN KIND AD(H)S? /


Mein Kind kann sich nicht gut oder nicht mehr gut konzentrieren, die Leistungen in der Schule werden schlechter oder schwanken...
Mein Kind sucht soviel Aufmerksamkeit, will immer im Mittelpunkt stehen...
Mein Kind ist so unruhig...
Mein Kind hört so schlecht zu, redet oft dazwischen...
Mein Kind missachtet immer wieder Regeln, zuhause oder in der Schule, eckt mit Mitschülern und Mitschülerinnen an...
Mein Kind träumt soviel in der Schule, es sei wenig „bei der Sache“ sagen die Lehrer oder Lehrerinnen...
Mein Kind...

Hat mein Kind also AD(H)S? 


Antwort: Vielleicht hat Ihr Kind AD(H)S, vielleicht aber auch nicht

Die Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-) Störung – AD(H)S - ist eine der häufigsten Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Dabei wird die Diskussion über AD(H)S in der Öffentlichkeit, aber auch unter den Fachleuten, kontrovers und teilweise emotional geführt.


In meiner Praxis erlebe ich seit Jahren, dass die Belastungen und das Leid der betroffenen Kinder und ihrer Familien groß sind und die negativen Folgen für die Kinder meist beträchtlich, weil sie durch ihre Schwierigkeiten in ihrer Beziehungs- und Leistungsfähigkeit enorm beeinträchtigt sind. Viele Eltern fühlen sich oft alleine gelassen, entwickeln Schuldgefühle oder werden mit Schuldzuweisungen konfrontiert, sie hätten ihre Kinder nicht „im Griff“. Andere Eltern und Kinder wiederum erleben eine große Verunsicherung, weil sie plötzlich mit der Diagnose, z.B. im Kindergarten oder der Schule, konfrontiert werden und unsicher sind, ob diese auf ihr Kind wirklich zutrifft.


So stellte zum Beispiel die GemünderErsatzKasse (GEK) bereits 2008 in einem Report zum Thema dar, dass aus einer Elternbefragung hervorging, dass manche schulischen Probleme von Kindern, die später eine AD(H)S Diagnose erhielten, auch aus Überforderungen des Schulsystems oder mancher Lehrerinnen und Lehrer resultierten.


Die AOK Rheinland/ Hamburg stellte 2010 fest, dass rund ein Drittel der AOK versicherten Kinder, die eine medikamentöse Therapie erhielten, wohl keine gesicherte AD(H)S Diagnose hatten, also eigentlich gar nicht mit Medikamenten behandelt werden sollten. Dies war Anlass für die AOK, ihren Versicherten eine besonders sorgfältige Diagnostik und Therapie bei ADHS anzubieten. Sie bietet seither zusätzlich einen ADHS-Vertrag an, mit dem Ziel Fehldiagnosen ebenso wie den Einsatz von nicht notwendiger Medikamention zu reduzieren und jedem Kind eine individuelle und angepasste Therapie zu ermöglichen.
Der Vertrag stellt besondere Anforderungen an die Behandlerinnen und Behandler in den Praxen. Diese erfülle ich und die Praxis nimmt an dem ADHS - Vertrag der AOK teil.


Hintergrund:


Viele Forschungsstudien zum Thema kommen zu der Erkenntnis, dass die Prävalenzrate (=die Häufigkeit) relativ stabil zwischen 2,9 % und 5,7 % liegt. Das heißt von hundert Kindern einer Altersstufe wären zwischen 3 und 6 Kinder von AD(H)S betroffen. Die Häufigkeit der Diagnose ist aber oft um ein Vielfaches höher, so dass davon auszugehen ist, dass auch viele Fehldiagnosen gestellt werden. Nach kinderpsychiatrischen und psychotherapeutischen Klassifikationssystemen verlangt die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung das Vorliegen eines abnormen Ausmaßes an Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität, welche in verschiedenen Lebensbereichen auftreten müssen und nicht nur in einem (z.B. Schule) und andauernd, also mindestens über einen Zeitraum von 6 Monaten, zu beobachten sind. Die Ursachen einer AD(H)S Störung sind sehr vielfältig und verlangen nach einer sehr genauen und sorgfältigen Diagnose, auch um eine auf das jeweilige Kind und dessen Familie abgestimmte Behandlung zu ermöglichen.


Dabei ist das Spektrum der Symptome und beobachtbaren Verhaltensauffälligkeiten sehr groß und trifft auf viele andere seelische Erkrankungen, aber auch auf viele „normale“ Entwicklungskonflikte zu. Deshalb ist es sehr wichtig die Auffälligkeiten, die man auch Symptome nennt, sorgfältig abzugrenzen von anderen seelischen Erkrankungen, traumatischen Lebensereignissen, normalen Entwicklungskonflikten, Lebenskrisen (z.B. Verlust oder Trennung der Eltern o.ä.), Unlustgefühlen oder z.B. dem natürlichen Drang der Kinder nach Bewegung. Bewegung ist z.B. für das Wachstum des kindlichen Gehirns sehr wichtig.


Die Gefahr einer Fehldiagnose ist also groß. Deshalb darf diese nur von einem Experten für Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen gestellt werden. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind solche Experten und speziell ausgebildet, alle seelischen und Verhaltensstörungen zu diagnostizieren und zu behandeln.


Behandlung:


Bei AD(H)S wird sehr häufig eine medikamentöse Behandlung eingeleitet. Dabei sollte eine medikamentöse Therapie i.d.R. nur in ernsten Krisen als „Sofortmaßnahme“ und ansonsten erst dann in Erwägung zu ziehen sein, wenn psychoedukative (=Anleitung/ Beratung) und psychotherapeutische Maßnahmen nicht ausreichend wirken.


In den vielen Jahren meiner Tätigkeit habe ich den Eindruck, dass viel zu wenig die Wirksamkeit von Psychotherapie, die eine gute Alternative zur Medikamention sein kann, bekannt ist. Dabei kommt z.B. die „Frankfurter ADHS-Wirksamkeitsstudie“ von 2014 zu dem Ergebnis, dass:

  • eine psychoanalytische Therapie ohne Medikamente eine ebenso signifikante (= deutlich nachweisbare) Reduktion der störungsspezifischen Symptome wie eine Kombination aus verhaltenstherapeutischer und medikamentöser Behandlung zeigt
  • diese Verbesserungen sowohl aus der Eltern- wie Lehrerperspektive bemerkt und bestätigt werden
  • aus Sicht der betroffenen Kinder die selbst eingestufte Lebensqualität erheblich (=signifikant) steigt, d.h. sie kommen insgesamt viel besser zurecht, zeigen sich mit ihrem Leben zufriedener und erleben sich als stark genug, ihre Probleme wieder selber lösen zu können.


In meiner Praxis führe ich seit Jahren bei AD(H)S auch psychoanalytische Therapien ohne Medikamention durch. In vielen Fällen ist es auch möglich, unter der psychotherapeutischen Arbeit eine bereits seit längerem erfolgte rein medikamentöse Behandlung langsam zu reduzieren und/ oder ganz abzusetzen.

Depressionen

v.li.n.re.: Bernhard Moors, Anke Pielsticker, Gebhard Hentschel, Barbara Lubisch, Michael Ruh, Ulrike Böker (Foto: Schilberg)

Gemeinsame Pressemitteilung

Wahl der Psychotherapeuten-Vertreter in der KBV


DPtV, bvvp und VAKJP:
Koalition setzt gemeinsame Arbeit fort


Berlin, 10. Februar 2017. Bei der Wahl der sechs Vertreter der Psychotherapeuten in der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fanden die Kandidaten der Koalition von DPtV, bvvp und VAKJP die breite Unterstützung der Psychotherapeuten aus allen KV-Regionen. Gewählt wurden Dipl.- Psych. Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), Dipl.-Psych. Gebhard Hentschel, stellvertretender DPtV-Bundesvorsitzender, Dipl. Psych. Dr. Anke Pielsticker, DPtV und Dipl.-Psych. Michael Ruh, stellvertretender Bundesvorsitzender DPtV sowie Dipl. Psych. Ulrike Böker, 2. stellvertretende Vorsitzende Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) und Dipl.-Soz.Päd. Bernhard Moors von der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland (VAKJP).


Die Koalition aus DPtV, bvvp und VAKJP hat sich für die nächste Wahlperiode viel vorgenommen Die Versorgung der Bevölkerung mit Psychotherapie steht für alle Gewählten im Vordergrund. Dazu gehöre, die reformierte Psychotherapie-Richtlinie mit Leben zu füllen, so dass Menschen, die Hilfe durch Psychotherapie suchen, nicht nur schnell ein erstes abklärendes Gespräch bekommen, sondern auch die anschließende Versorgung gewährleistet wird. Die vom Gesetzgeber vorgesehene Reform der Bedarfsplanung wird als Grundlage für eine Verbesserung der Versorgungssituation angesehen. Die Vergütung der Psychotherapie muss angehoben werden und eine wirtschaftliche Praxisführung ermöglichen, sind sich die Gewählten einig. Den Besonderheiten der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist Rechnung zu tragen, da die Behandlung von Kindern immer auch eine Prophylaxe für den späteren Erwachsenen ist.